
Pandora's Tower
„Werdet Ihr mich trotz allem noch lieben?“ Tränen laufen über Helenas entstelltes Gesicht, gezeichnet von einem Fluch, der sie langsam zu einer abscheulichen Bestie werden lässt. Ich kann es nicht… ich werde dieses grauenvolle Schicksal nicht zulassen! Mit meiner Kette werde ich den Fluch brechen, die dreizehn Türme erklimmen und den mysteriösen Meistern das heilende Fleisch aus ihren Leibern reißen. Helena, halte durch, ich werde Dich retten! So wie du einst mich…

Einfühlsam, und zurückhaltend wie das Pärchen selbst, so schreibt „Pandora’s Tower“ seine Geschichte. Es ist ein schönes wie einzigartiges Erlebnis, als interaktiver Zuschauer dabei zu sein, wie Helena und Aeron ihrem Verhängnis trotzen und in dieser beinahe aussichtslosen Zeit eine hoffnungsvolle Liebe keimt und wächst. Und schon bald stimmt sich auch ein warmes Gefühl ein, wenn man mit kleinen Geschenken und aufmunternden Worten die Bindung stärkt und Briefe Einblicke in Helenas intimen Gedanken und Gefühle gewähren. Insbesondere das Verhalten der sympathischen Charaktere ist stets stimmig, vor allem dann, wenn Helena angewidert in das Fleisch der Monster beißt und ihren Ekel unterdrückt, um schließlich wieder ihre menschliche Gestalt wiederzuerlangen. Toll!
Die Haupthandlung wirkt mit ihren Puzzleteilen beinahe schüchtern, setzt sich unvorhersehbar zu einem Gesamtbild zusammen und lädt mit den in der Zitadelle verstreuten Notizen zum Nachdenken ein: Sind die Monster von Menschenhand erschaffen? Als Waffen für den Krieg, die außer Kontrolle geraten sind? Sind gar Soldaten für Helenas Fluch verantwortlich?
Versprecht mir, dass Ihr unversehrt zurückkommt, Aeron!
Das Kernstück des Spiels bilden natürlich die dreizehn Türme, die, wie die Dungeons bei „The Legend of Zelda“, thematisch sehr viel Abwechslung bieten. Ihre teils imposante Architektur tröstet mit Leichtigkeit über die im Verhältnis schwächere Grafik der Wii hinweg, matschige Texturen fallen gar nicht so sehr ins Gewicht, wenn man die einzelnen Stockwerke erkundet und der eine oder andere Ausblick zum Staunen einlädt. So beispielsweise ein riesiger Baum, der das erste Dungeon verwuchert, oder im Zweiten schillernde Erze die großen Halle erstrahlen lassen. Ebenfalls schön ist, dass sogar die verschiedenen Tageszeiten die Türme in unterschiedliches Licht tauchen.Der Weg zum Meister ist prinzipiell stets derselbe: Mehrere Ketten versperren die Tür zu ihm, deren Ursprünge gefunden und zerschlagen werden müssen. Für die nötige Vielfalt sorgen kreative Ideen im Gameplay, insbesondere die magische Kette, die, neben anderen Waffen, in Aerons Besitz ist: Mit ihr können Hebel gezogen, Abgründe überwunden, Wege passierbar und den verschiedenen Kreaturen der Garaus gemacht werden. Auch diverse Kletterpassagen werden geboten, die späterhin mit morschen Stellen erschwert werden und sehr an „Uncharted“ erinnern. Da „Pandora’s Tower“ immer wieder neue Lösungswege abverlangt, findet die Spieldauer einen perfekten Einklang zwischen Knobelei und Länge: Die Rätsel unterhalten bestens, während die einzelnen Türme eine angenehme Größe haben und nicht zu groß geraten sind. Der theatralische Soundtrack klingt ebenso stimmig wie die restliche Soundkulisse, wiederholt sich aber nach kurzer Dauer.

Die Turmuhr schlägt – es wird Zeit
Damit Helena nicht gänzlich zu einem Monster wird, muss ihre Menschlichkeit mit dem Fleisch der Bestien genährt werden – in regelmäßigen Abständen, was in Form einer Anzeige einen gewissen Zeitdruck erzeugt. Anders als bei anderen Spielen, bei denen der Zeitdruck oftmals eine spielspaßbremsende Angelegenheit ist, funktioniert sie bei „Pandora’s Tower“ als gelungenes Stilmittel, um die Dramatik glaubhaft spüren zu lassen.Schwindet die Zeit und der Klang der Turmuhr hallt über die Wiimote direkt zum Spieler, genügt es bereits, bestimmte Gegner zu bezwingen und deren Fleisch zu Helena zu bringen. Damit der Rückweg allerdings nicht mühsam wird, gibt es hier und dort sowohl Türen als auch Leitern, die, wie bei „Dark Souls“, als Abkürzungen geöffnet oder herabgelassen werden können.
Apropos „Dark Souls“! Nicht nur gewöhnliche Gegner müssen auf unterschiedliche Weise mit dem auf das Wesentliche beschränkte Kampfsystem erlegt werden (eine Tastenkombie-Orgie à la „Castlevania – Lords of Shadow“ bleibt zum Glück erspart), nein, auch die Meister lassen schnell den Puls in die Höhe schnellen und den Schweiß auf die Stirn treiben. Man ist schon eine gewisse Zeit damit beschäftigt, eh man ihre jeweilige Schwachstelle herausfindet und sie unterdessen auf Distanz hält. Umso schöner fühlt sich der Triumpf an!
Eine Trophäe für Sammler
Der Spaß am Sammeln wird nicht nur im Spiel selbst entfesselt, Gegenstände lassen sich bei der alten Händlerin Madwa herstellen und Waffen aufwerten - auch der Inhalt der Collectors Edition bietet einen gewissen Mehrwert: Das englischsprachige Hardcover-Artbook hält schönes Bildmaterial parat und das edle Steelbook dürfte für viele eine hübsche Trophäe im Regal sein.
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